Pamm.

Als die schwere Holztür in ihr rostiges Schloss fiel, waren Jonathan und Thomas mit dem Drachen allein. Die beiden wirbelten auf ihren Absätzen herum und starrten zurück auf den Eingangsbereich der alten Kirche. Es war dunkel, verdammt dunkel, und wo eben noch ein großes Loch dem Tageslicht Einlass in das düstere Gemäuer gewährte, war nun gähnende schwarze Leere.

Nur zu gerne hätte sich Thomas mit der Frage beschäftigt, warum die Tür zugefallen war und ihnen nun den Fluchtweg abschnitt. Mit einem großen Drachen im Halbdunkel voraus, der sicherlich großen Spaß daran finden würde mit seinen und Jonathans Extremitäten Sie-liebt-mich-sie-liebt-mich-nicht zu spielen, waren die Prioritäten jedoch offensichtlich. Tom hatte ebenso wie sein Freund das Kurzschwert gezogen und versuchte im Dunkelgrauschwarz der Kirche irgendetwas zu erkennen. Trotzdem kam er nicht umhin, alle primären ausreißbaren Körperteile sicherheitshalber noch einmal durchzuzählen. »Sechs«, murmelte er schließlich, da er den Kopf mitgezählt hatte.

»Siehst du ihn?«, fragte Jonathan leise. »Nein«, antwortete Thomas flüsternd. »Du weißt aber schon, Joie, dass es gar keine Drachen gibt, oder?«. »Ich schon, Tom, aber weiß das der Drache auch?«. Eine gute Frage, befand Thomas.

Vor ihnen, dort wo sich schemenhaft der riesige Altar abzeichnete, grunzte etwas dröhnend und dermaßen unmenschlich, dass Toms Schweißdrüsen in den Handflächen vor Schreck ihren gesamten Feuchtigkeitsvorrat auf einmal herausprusteten. Die beiden Knappen hielten ihre Waffen noch höher und weiter in die Dunkelheit hinaus gestreckt. »Es ist groß«, extrapolierte Jonathan das Volumen des Feindes anhand seiner Geräusche, »sehr groß«.

Irgendwie war das alles eine wirklich dumme Sache und die ganze Situation schmeckte Thomas überhaupt nicht. Morgen früh war ihr großer Tag, vielleicht der wichtigste Tag ihres Lebens. Jonathan und er würden zu Rittern geschlagen werden, die jüngsten nicht-so-wirklich adligen Ritter seit mehr als einem Jahrhundert. Ein riesiges Fest wartete auf sie, ein neuer Lebensabschnitt, Anerkennung, eine große Karriere, ein eigenes Schild, deutlich weniger Gebete. Das klang alles ungeheuer vielversprechend und es wäre einfach sehr viel angenehmer, diese vielversprechende Zukunft mit einem mehr oder weniger vollständigen Satz an Körperteilen zu erleben.

Statt hier in einer Ruine herumzustolpern und sich von einem grunzenden Drachen die Gliedmaßen ausrupfen zu lassen, sollten sie schnellstens zur Marienburg zurückkehren. Von Cord hatte sie als Begleitschutz für einen Komtur[1] an die Grenze des Ordensstaates entsandt, der Befehlshaber war sicher abgeliefert worden und nun sollten sie schleunigst wieder nach Hause reiten.

Vor seinem geistigen Auge sah Tom den kleinen Grabstein.

Hier ruhen einige wenige Teile zweier unbekannter und leider ziemlich dämlicher Knappen, die bis kurz vor ihrem Ende einfach nicht glauben wollten, dass es Drachen gibt. Aus den anderen Teilen hat sich der Drache übrigens ein kleines Puppenhäuschen gebaut. Requiescat in pace[2].

Das Probekapitel stammt aus dem zweiten Teil der Nordpiraten und wurde unter anderem ausgewählt, weil es relativ abgeschlossen ist und wenig Referenzen zur Vor- und Folgegeschichte enthält. 

Optionen

Probekapitel sofort hören:

Teil1:

Teil2:

Probekapitel Download MP3:

MP3 Download Nordpiraten Probekapitel

Probekapitel Download PDF:

Go to top