Was Tom noch mehr ärgerte, war, dass es eigentlich überhaupt keinen guten Grund gab, hier zu sein. Die Kirche war offensichtlich entweiht und wurde schon seit längerem nicht mehr genutzt, vielleicht eine Folge der schlimmen Pestepidemie, die vor wenigen Jahrzehnten auch den Norden Europas verheert hatte.

Nur weil ein weinendes Mädchen sie an der Hauptstraße abgefangen hatte, waren sie hier. Nur weil das weinende Mädchen bestimmt schon siebzehn war und zwei ziemlich prächtige Argumente spazieren führte, waren sie hier. Nur weil Jonathan sein Blick nicht von den zwei prächtigen Argumenten lassen konnte, während er sonst doch immer nur von Sophia redete, waren sie hier. Nur weil Jonathan so ein verkorkstes Verhältnis zu Frauen hatte, waren sie hier. Basta. Tom dagegen hatte kein verkorkstes Verhältnis zu Frauen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie jetzt schon die Hälfte der Strecke zur Marienburg hinter sich und die heulende Kuh hätte seinetwegen ihre rostige Bettpfanne alleine gegen den Drachen schwingen können.

Mann, hatte er jetzt schlechte Laune.

Wieder grollte etwas durch das Kirchenschiff und Toms schlechte Laune zog sich schlotternd die Bettdecke über den Kopf. »Wie machen wir’s?«, fragte Tom nervös. Jonathan überlegte einen Augenblick lang. »Wir bleiben auf jeden Fall zusammen«, erklärte er dann seinen genialen Plan, »gehen Seite an Seite durch den Mittelgang nach vorne zum Altar«. »Da«, wies Thomas auf eine alte Fackel, die er an der nahen Wand ausgemacht hatte, »vielleicht geht die noch«.

Tom ging zwei Schritte, reckte nach oben und nahm die Fackel aus dem eisernen Wandhalter. »Gib mir Deckung«, zischte er zu Jonathan hinüber. Der Fackelkopf war feucht und roch nach Pech, was ein gutes Zeichen war. Thomas fixierte die Fackel mit seinen Oberschenkeln und wühlte aus einem kleinen Beutel an seinem Gürtel ein Feuersteinchen und eine Schwefelkies-Knolle hervor. Dreimal nur schlug er die beiden Mineralien gegeneinander, dann hatte ein Funke das Pech der Fackel entzündet.

Das spärliche Licht machte die Halle des Kirchenschiffes nur noch unheimlicher. Putzteile waren von Wänden und Decken gefallen und lagen auf dem staubigen Kachelboden und einigen unversehrten Kirchenbänken. Das war insofern ungewöhnlich, weil Kirchen in der Regel gar nicht mit Sitzbänken ausgestattet waren. Man hatte während der zahlreichen Gottesdienste gefälligst zu stehen, eine Gepflogenheit, mit der Jonathan und Thomas in der Marienburg nur allzu gut vertraut waren.

Diese Kirche hier war auf jeden Fall anders. Sie hatte Bänke. Sie wurde offensichtlich seit vielen Jahren nicht mehr genutzt. Und in dieser Kirche lebte ein Drache. Im Staub des Bodens verloren sich mehrere verwischte, große Spuren.

»Schau mal«, flüsterte Jonathan und zeigte dort auf die Wand, wo Thomas die Fackel abgenommen hatte. Die blassen Zeichnungen waren lückenhaft, aber neben verschiedenen Heiligen war hier eindeutig ein großer Drache zu sehen, der gerade dabei war so viele nackte Menschen wie möglich in seinen Schlund zu stopfen. Da er mit dem Schlucken nicht ganz nachkam, wartete entblößter Nachschub in seinen zwei riesigen, vorderen Klauen.

Eine Menge komischer Gedanken gingen Thomas durch den Kopf; warum hatten sich die Menschen ausgezogen? Oder hatte der Drache das getan? Vielleicht blieben dem Monster die Kleidungsstücke seiner Opfer sonst immer zwischen den Zähnen hängen? Tom wollte keinem Drachen begegnen, der schlechte Laune hatte, weil ihm ein paar schmutzige Unterhosen zwischen den Beißwerkzeugen klemmten. Vielleicht verursachte Garderobe Verdauungsprobleme? Tom wollte auch keinem Drachen begegnen, der Verstopfung oder Durchfall hatte. Wenn er es bei Licht betrachtete, wollte er ja eigentlich überhaupt keinem Drachen begegnen.

Das Probekapitel stammt aus dem zweiten Teil der Nordpiraten und wurde unter anderem ausgewählt, weil es relativ abgeschlossen ist und wenig Referenzen zur Vor- und Folgegeschichte enthält. 

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