Ein wirklich lautes Brummen, das steil nach oben anschwoll, mit einem spitzen Seufzer seinen Höhepunkt fand und von einem tiefen Schnaufer beendet wurde, sorgte für erneute Aufmerksamkeit. »Los«, kommandierte Jonathan seinen Freund und nickte in Richtung Altar. Thomas schloss auf, hielt die Fackel und das Schwert voran, und Seite an Seite bahnten sich die beiden einen Weg zum Mittelgang der Kirche. Dort angekommen bogen sie in den Pfad zwischen den Holzbänken und gingen vorsichtig direkt auf den großen Altar zu. »Was, wenn es fliegen kann?«, flüsterte Thomas. »Dann kämpfen wir Rücken an Rücken«. »Aha«.

Als sie am Altar angekommen waren, glaubten beide ein regelmäßiges Schnaufen zu hören, das unter dem großen Schrank hervorzukommen schien. »Eine Krypta«, bemerkte Tom den pechschwarzen Zugang unter dem Altar als erstes. Eine Steintreppe führte offenbar zu einer tiefer gelegenen Grabstätte, deren Größe durch das Licht der Fackel nicht abschätzbar war.

Das Schnaufen wurde von einigen tiefen Grunzgeräuschen begleitet. »Sag nicht, dass du da runter willst«, fragte Thomas rhetorisch. Jonathan blickte den hohen Altarschrank empor. Im Fackelschein war zu erkennen, dass man Figuren und andere Verzierungen entfernt hatte. Ein großes, gemaltes Kreuz war aber immer noch deutlich zu erkennen, darüber das Kürzel INRI, welches anzeigte, dass hier einmal die Figur von Jesus von Nazareth, dem König der Juden[3], hing. Jonathan bekreuzigte sich. »Herr, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du in Barmherzigkeit hältst den Bund zu deinen Knechten, die vor dir wandeln mit reinem Herzen«. Thomas bekreuzigte sich und wiederholte das Stoßgebet nuschelnd, so, wie er es immer Tat. Kraft gab ihm das keine. »Dann runter da«, brummte er missmutig und machte den ersten Schritt.

Das Brüllen war ohrenbetäubend.

Jonathan sah zwei riesige glühende Augen auf sich zu kommen, ein dunkles, riesiges Etwas hetzte in einem gewaltigen Satz die Steintreppe hinauf und sprang ihn an. Das Ding war gewaltig und fällte Jonathan trotz Abwehrhaltung mit Leichtigkeit. Er sah noch, dass Thomas wie eine Spielfigur zur Seite geworfen wurde und spürte keinen Widerstand seiner voraus gestreckten Klinge. Jonathan fiel hart auf den Rücken, das Monster auf ihn, so schwer, dass er fürchtete zerquetscht zu werden. Er sah eine riesige dunkle Klaue heranfauchen und über seine Brust fegen, spürte einen heißen Luftzug, sah Fetzen seiner Kleidung davon fliegen. Die Bestie brüllte. Die Bestie stank. Jonathan war sich sicher, das Ende war gekommen. Er spürte seinen Körper nicht mehr richtig, auch keinen Schmerz, sehen konnte er ohnehin fast nichts. Links spendete die am Boden liegende Fackel zwar einen armseligen Funken Licht, aber das riesige Ding auf ihm nahm ihm Sicht, Luft und in wenigen Augenblicken auch das Leben.

Jonathan war völlig ruhig.

Er war so ruhig, dass es ihn nicht einmal überraschte, wie ruhig er war. Keine Panik, keine Todesangst, keine Verzweiflung.

Das Probekapitel stammt aus dem zweiten Teil der Nordpiraten und wurde unter anderem ausgewählt, weil es relativ abgeschlossen ist und wenig Referenzen zur Vor- und Folgegeschichte enthält. 

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