»Was?«, grunzte Jonathan, weil es eben das erste Wort war, das über seine Lippen schlüpfte.

Tom war inzwischen mit dem Verwischen von Blut und Tränen fertig und räusperte sich. »Gut, dass du es geschafft hast, Joie«, sagte Tom gestelzt, »ich hatte mir schon ein bisschen Sorgen gemacht«. »Du hast geheult«, kommentierte Jonathan taktlos. »Was?«, schrie Tom entsetzt auf, »so ein Unsinn. Wie kommst du denn da drauf?«.

Jonathan schwang sich auf die Knie und betrachtete den Körper des gewaltigen Bären vor sich. Das Tier hatte mehrere Stichwunden an Rücken und Hals. Thomas hatte ganze Arbeit geleistet.

»Vielleicht sollten wir das lieber löschen«, kam Jonathan der brennende Altarschrank in den Sinn. Er richtete sich auf, aber die beißenden Wunden auf seiner Brust ließen ihn innehalten. Thomas suchte irgendetwas, das ihm helfen würde, die Flammen zu ersticken. Er fand nichts. Das Feuer fraß sich schnell voran. Es war nur eine Frage der Zeit bis es vom Altar auf den Dachgiebel überspringen würde. »Wir müssen hier raus«, rief Thomas und war schon dabei, Jonathan stützend in Richtung Eingangstor zu begleiten.

Sie schafften den Weg über den Mittelgang in kurzer Zeit und das Feuer in der Apsis erleuchtete nun die gesamte Kirche. Thomas versuchte die schwere Holztür zu öffnen, rüttelte, schob, drückte. Vergeblich. Die Tür war kurz nach dem Betreten der Kirche zugefallen und dachte nicht im Entferntesten daran, sich nun kampflos zu ergeben. »Verriegelt«, stellte Tom das bereits Bekannte fest. Jonathan grunzte. Wunderbar, sie waren in einer Kirchenruine gefangen, die gerade dabei war abzubrennen.

Thomas rannte los, die Seitenschiffe der Kirche entlang und suchte nach weiteren Ausgängen. Er fand keine.

»Problem«, keuchte er, als er wieder bei Jonathan angekommen war. Jonathan blickte nach oben. In den Seitenschiffen waren jeweils zwei fassgroße Fenster eingelassen, deren Läden man sicher leicht würde öffnen können.

»Bänke«, setzte Tom sein Stakkatomonolog schnaufend fort und war schon unterwegs. Er nahm die Bank der letzten Reihe, die sich durch kleine Sitznischen hervorragend als Leiter eignete, und zerrte sie an die Wand des Seitenschiffes. Jonathan folgte ihm. Thomas versuchte die Holzbank anzuheben und dann weiter aufzurichten, musste jedoch vor dem Gewicht der schweren Konstruktion kapitulieren. Mit hochrotem Kopf – passend zu den großen Blutflecken im Gesicht – ließ er die Bank fallen und ruhte sich mit schmerzenden Armen und rasselnden Lungen an die Wand gelehnt aus.

»Noch Mal«, lautete Jonathans glorreicher Vorschlag, »ich helfe dir«. Thomas sah auf Jonathans blutende Brustwunden. Bedachte man das wütende Feuer, war das gemeinsame Anpacken wohl die einzige Alternative. »Drei, zwei…«, zählte Tom den Countdown und mobilisierte dann alle verbliebenen Kräfte um die dämliche Bank aufzurichten. Jonathan stemmte sich unter die Bank und versuchte mit seiner Rücken- und Beinmuskulatur die Schwerkraft in ihre Schranken zu verweisen.

Die Schwerkraft war tatsächlich einen kleinen Augenblick lang unaufmerksam, die Bank stieg wie der Zeiger einer Uhr und blieb wie gewünscht um Mitternacht stehen, das Ende gerade bis zum Sims des Fensters reichend.

Das Probekapitel stammt aus dem zweiten Teil der Nordpiraten und wurde unter anderem ausgewählt, weil es relativ abgeschlossen ist und wenig Referenzen zur Vor- und Folgegeschichte enthält. 

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