»Nachdenken, Jonathan, nachdenken«, beschimpfte er sich selbst. Der Schlüssel war fort. Ein Hebel zum Aufbrechen der Tür fehlte. Mit roher Gewalt – das hatten sie bereits von innen versucht. Hm. Aber von außen konnte er seinen Körper als Rammbock benutzen. Jonathan hörte ein zaghaftes Klopfen von der Innenseite der Tür. Dann ein keuchendes Husten. Das Husten wurde zum Würgen und Spucken.

Jonathan nahm Anlauf. Er warf sich mit der linken Schulter gegen die Tür.

Seine Brust sandte eine Protestnote in der in etwa Folgendes stand: »Sehr geehrtes Gehirn. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass ich in Fetzen hänge und jede Menge Blut verliere? Nein? Dann werde ich jetzt so lange auf allen Nervenbahnen herumtrampeln und stampfen, bis Sie es endlich merken. MfG, Brust. P.S.: Ist Ihnen schon Mal aufgefallen, dass sie hier niemand mag? Denken Sie mal drüber nach.«    

Die Tür bebte, Putz und Staub rieselten aus dem Türrahmen. Die Tür hielt. Jonathan verdrängte alle Alarmzeichen seines Körpers, nahm erneut Anlauf und warf sich gegen die Tür.

Die zweite Protestnote seiner Brust las sich in etwa so: »Sehr geehrtes Gehirn. Ich wollte gerade das Herz als Geisel nehmen, aber das erwies sich als unnötig. Es ist zu uns übergelaufen. Hier unser bescheidener Forderungskatalog: Mitbestimmung bei allen wichtigen Entscheidungen unter Beteiligung aller Körperteile (außer dem einen ekligen, Sie wissen schon), vier Wochen bezahlter Urlaub pro Jahr sowie eine Massage pro Monat. Wir geben Ihnen 30 Herzschläge Bedenkzeit. Hochachtungsvoll, Brust. P.S.: Wenn wir uns nicht einig werden, fliegen Sie raus. Das geht hier ganz schnell.«

Wieder rieselten Mörtel und Steinchen aus dem Rahmen. Es war schwer zu sagen, ob Jonathan auf verlorenem Posten stand oder nicht. Aber es war das einzige, was er tun konnte. Er wäre auch gegen eine Wand aus glühenden Felsblöcken gelaufen, wenn die entfernte Möglichkeit bestand, damit Thomas zu helfen.

Hinter Jonathans Stirn zuckte ein heftiges Stechen, das sich den anderen Schmerzen in seinem Körper als rasendes Kopfweh vorstellte und von diesen sofort freundlich aufgenommen wurde. Jonathan wankte zurück. Er presste die beiden Handflächen auf seine Brust, holte tief Luft und fing an zu laufen. Ungebremst traf seine Schulter auf die Tür. Es krachte entsetzlich, der Rahmen zersplitterte und die Tür schwang knallend auf.

Thomas hatte sich schlauerweise nicht direkt hinter dem Eingang, sondern etwas seitlich platziert. Er lag auf dem Bauch und rührte sich nicht mehr. »Tom«, grunzte Jonathan, packte seinen Freund unter den Armen und zog ihn aus der brennenden Kirche hinaus auf die Wiese.

In sicherem Abstand zur Ruine drehte er Thomas auf den Rücken. Toms Augenlider flatterten. Jonathan kniete sich hin und verpasste Thomas eine ganze Salve fester Ohrfeigen.

Das Probekapitel stammt aus dem zweiten Teil der Nordpiraten und wurde unter anderem ausgewählt, weil es relativ abgeschlossen ist und wenig Referenzen zur Vor- und Folgegeschichte enthält. 

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