Pamm.

Als die schwere Holztür in ihr rostiges Schloss fiel, waren Jonathan und Thomas mit dem Drachen allein. Die beiden wirbelten auf ihren Absätzen herum und starrten zurück auf den Eingangsbereich der alten Kirche. Es war dunkel, verdammt dunkel, und wo eben noch ein großes Loch dem Tageslicht Einlass in das düstere Gemäuer gewährte, war nun gähnende schwarze Leere.

Nur zu gerne hätte sich Thomas mit der Frage beschäftigt, warum die Tür zugefallen war und ihnen nun den Fluchtweg abschnitt. Mit einem großen Drachen im Halbdunkel voraus, der sicherlich großen Spaß daran finden würde mit seinen und Jonathans Extremitäten Sie-liebt-mich-sie-liebt-mich-nicht zu spielen, waren die Prioritäten jedoch offensichtlich. Tom hatte ebenso wie sein Freund das Kurzschwert gezogen und versuchte im Dunkelgrauschwarz der Kirche irgendetwas zu erkennen. Trotzdem kam er nicht umhin, alle primären ausreißbaren Körperteile sicherheitshalber noch einmal durchzuzählen. »Sechs«, murmelte er schließlich, da er den Kopf mitgezählt hatte.

»Siehst du ihn?«, fragte Jonathan leise. »Nein«, antwortete Thomas flüsternd. »Du weißt aber schon, Joie, dass es gar keine Drachen gibt, oder?«. »Ich schon, Tom, aber weiß das der Drache auch?«. Eine gute Frage, befand Thomas.

Vor ihnen, dort wo sich schemenhaft der riesige Altar abzeichnete, grunzte etwas dröhnend und dermaßen unmenschlich, dass Toms Schweißdrüsen in den Handflächen vor Schreck ihren gesamten Feuchtigkeitsvorrat auf einmal herausprusteten. Die beiden Knappen hielten ihre Waffen noch höher und weiter in die Dunkelheit hinaus gestreckt. »Es ist groß«, extrapolierte Jonathan das Volumen des Feindes anhand seiner Geräusche, »sehr groß«.

Irgendwie war das alles eine wirklich dumme Sache und die ganze Situation schmeckte Thomas überhaupt nicht. Morgen früh war ihr großer Tag, vielleicht der wichtigste Tag ihres Lebens. Jonathan und er würden zu Rittern geschlagen werden, die jüngsten nicht-so-wirklich adligen Ritter seit mehr als einem Jahrhundert. Ein riesiges Fest wartete auf sie, ein neuer Lebensabschnitt, Anerkennung, eine große Karriere, ein eigenes Schild, deutlich weniger Gebete. Das klang alles ungeheuer vielversprechend und es wäre einfach sehr viel angenehmer, diese vielversprechende Zukunft mit einem mehr oder weniger vollständigen Satz an Körperteilen zu erleben.

Statt hier in einer Ruine herumzustolpern und sich von einem grunzenden Drachen die Gliedmaßen ausrupfen zu lassen, sollten sie schnellstens zur Marienburg zurückkehren. Von Cord hatte sie als Begleitschutz für einen Komtur[1] an die Grenze des Ordensstaates entsandt, der Befehlshaber war sicher abgeliefert worden und nun sollten sie schleunigst wieder nach Hause reiten.

Vor seinem geistigen Auge sah Tom den kleinen Grabstein.

Hier ruhen einige wenige Teile zweier unbekannter und leider ziemlich dämlicher Knappen, die bis kurz vor ihrem Ende einfach nicht glauben wollten, dass es Drachen gibt. Aus den anderen Teilen hat sich der Drache übrigens ein kleines Puppenhäuschen gebaut. Requiescat in pace[2].


Was Tom noch mehr ärgerte, war, dass es eigentlich überhaupt keinen guten Grund gab, hier zu sein. Die Kirche war offensichtlich entweiht und wurde schon seit längerem nicht mehr genutzt, vielleicht eine Folge der schlimmen Pestepidemie, die vor wenigen Jahrzehnten auch den Norden Europas verheert hatte.

Nur weil ein weinendes Mädchen sie an der Hauptstraße abgefangen hatte, waren sie hier. Nur weil das weinende Mädchen bestimmt schon siebzehn war und zwei ziemlich prächtige Argumente spazieren führte, waren sie hier. Nur weil Jonathan sein Blick nicht von den zwei prächtigen Argumenten lassen konnte, während er sonst doch immer nur von Sophia redete, waren sie hier. Nur weil Jonathan so ein verkorkstes Verhältnis zu Frauen hatte, waren sie hier. Basta. Tom dagegen hatte kein verkorkstes Verhältnis zu Frauen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie jetzt schon die Hälfte der Strecke zur Marienburg hinter sich und die heulende Kuh hätte seinetwegen ihre rostige Bettpfanne alleine gegen den Drachen schwingen können.

Mann, hatte er jetzt schlechte Laune.

Wieder grollte etwas durch das Kirchenschiff und Toms schlechte Laune zog sich schlotternd die Bettdecke über den Kopf. »Wie machen wir’s?«, fragte Tom nervös. Jonathan überlegte einen Augenblick lang. »Wir bleiben auf jeden Fall zusammen«, erklärte er dann seinen genialen Plan, »gehen Seite an Seite durch den Mittelgang nach vorne zum Altar«. »Da«, wies Thomas auf eine alte Fackel, die er an der nahen Wand ausgemacht hatte, »vielleicht geht die noch«.

Tom ging zwei Schritte, reckte nach oben und nahm die Fackel aus dem eisernen Wandhalter. »Gib mir Deckung«, zischte er zu Jonathan hinüber. Der Fackelkopf war feucht und roch nach Pech, was ein gutes Zeichen war. Thomas fixierte die Fackel mit seinen Oberschenkeln und wühlte aus einem kleinen Beutel an seinem Gürtel ein Feuersteinchen und eine Schwefelkies-Knolle hervor. Dreimal nur schlug er die beiden Mineralien gegeneinander, dann hatte ein Funke das Pech der Fackel entzündet.

Das spärliche Licht machte die Halle des Kirchenschiffes nur noch unheimlicher. Putzteile waren von Wänden und Decken gefallen und lagen auf dem staubigen Kachelboden und einigen unversehrten Kirchenbänken. Das war insofern ungewöhnlich, weil Kirchen in der Regel gar nicht mit Sitzbänken ausgestattet waren. Man hatte während der zahlreichen Gottesdienste gefälligst zu stehen, eine Gepflogenheit, mit der Jonathan und Thomas in der Marienburg nur allzu gut vertraut waren.

Diese Kirche hier war auf jeden Fall anders. Sie hatte Bänke. Sie wurde offensichtlich seit vielen Jahren nicht mehr genutzt. Und in dieser Kirche lebte ein Drache. Im Staub des Bodens verloren sich mehrere verwischte, große Spuren.

»Schau mal«, flüsterte Jonathan und zeigte dort auf die Wand, wo Thomas die Fackel abgenommen hatte. Die blassen Zeichnungen waren lückenhaft, aber neben verschiedenen Heiligen war hier eindeutig ein großer Drache zu sehen, der gerade dabei war so viele nackte Menschen wie möglich in seinen Schlund zu stopfen. Da er mit dem Schlucken nicht ganz nachkam, wartete entblößter Nachschub in seinen zwei riesigen, vorderen Klauen.

Eine Menge komischer Gedanken gingen Thomas durch den Kopf; warum hatten sich die Menschen ausgezogen? Oder hatte der Drache das getan? Vielleicht blieben dem Monster die Kleidungsstücke seiner Opfer sonst immer zwischen den Zähnen hängen? Tom wollte keinem Drachen begegnen, der schlechte Laune hatte, weil ihm ein paar schmutzige Unterhosen zwischen den Beißwerkzeugen klemmten. Vielleicht verursachte Garderobe Verdauungsprobleme? Tom wollte auch keinem Drachen begegnen, der Verstopfung oder Durchfall hatte. Wenn er es bei Licht betrachtete, wollte er ja eigentlich überhaupt keinem Drachen begegnen.


Ein wirklich lautes Brummen, das steil nach oben anschwoll, mit einem spitzen Seufzer seinen Höhepunkt fand und von einem tiefen Schnaufer beendet wurde, sorgte für erneute Aufmerksamkeit. »Los«, kommandierte Jonathan seinen Freund und nickte in Richtung Altar. Thomas schloss auf, hielt die Fackel und das Schwert voran, und Seite an Seite bahnten sich die beiden einen Weg zum Mittelgang der Kirche. Dort angekommen bogen sie in den Pfad zwischen den Holzbänken und gingen vorsichtig direkt auf den großen Altar zu. »Was, wenn es fliegen kann?«, flüsterte Thomas. »Dann kämpfen wir Rücken an Rücken«. »Aha«.

Als sie am Altar angekommen waren, glaubten beide ein regelmäßiges Schnaufen zu hören, das unter dem großen Schrank hervorzukommen schien. »Eine Krypta«, bemerkte Tom den pechschwarzen Zugang unter dem Altar als erstes. Eine Steintreppe führte offenbar zu einer tiefer gelegenen Grabstätte, deren Größe durch das Licht der Fackel nicht abschätzbar war.

Das Schnaufen wurde von einigen tiefen Grunzgeräuschen begleitet. »Sag nicht, dass du da runter willst«, fragte Thomas rhetorisch. Jonathan blickte den hohen Altarschrank empor. Im Fackelschein war zu erkennen, dass man Figuren und andere Verzierungen entfernt hatte. Ein großes, gemaltes Kreuz war aber immer noch deutlich zu erkennen, darüber das Kürzel INRI, welches anzeigte, dass hier einmal die Figur von Jesus von Nazareth, dem König der Juden[3], hing. Jonathan bekreuzigte sich. »Herr, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du in Barmherzigkeit hältst den Bund zu deinen Knechten, die vor dir wandeln mit reinem Herzen«. Thomas bekreuzigte sich und wiederholte das Stoßgebet nuschelnd, so, wie er es immer Tat. Kraft gab ihm das keine. »Dann runter da«, brummte er missmutig und machte den ersten Schritt.

Das Brüllen war ohrenbetäubend.

Jonathan sah zwei riesige glühende Augen auf sich zu kommen, ein dunkles, riesiges Etwas hetzte in einem gewaltigen Satz die Steintreppe hinauf und sprang ihn an. Das Ding war gewaltig und fällte Jonathan trotz Abwehrhaltung mit Leichtigkeit. Er sah noch, dass Thomas wie eine Spielfigur zur Seite geworfen wurde und spürte keinen Widerstand seiner voraus gestreckten Klinge. Jonathan fiel hart auf den Rücken, das Monster auf ihn, so schwer, dass er fürchtete zerquetscht zu werden. Er sah eine riesige dunkle Klaue heranfauchen und über seine Brust fegen, spürte einen heißen Luftzug, sah Fetzen seiner Kleidung davon fliegen. Die Bestie brüllte. Die Bestie stank. Jonathan war sich sicher, das Ende war gekommen. Er spürte seinen Körper nicht mehr richtig, auch keinen Schmerz, sehen konnte er ohnehin fast nichts. Links spendete die am Boden liegende Fackel zwar einen armseligen Funken Licht, aber das riesige Ding auf ihm nahm ihm Sicht, Luft und in wenigen Augenblicken auch das Leben.

Jonathan war völlig ruhig.

Er war so ruhig, dass es ihn nicht einmal überraschte, wie ruhig er war. Keine Panik, keine Todesangst, keine Verzweiflung.


»Corin«, flüsterte Knappe Giles, »Vater«. Jedenfalls dachte er, das geflüstert zu haben.

»Sophia, ich warte auf dich«. Es wurde ganz dunkel.

»Tom«. Nun war es auch ganz still geworden.

Dunkel und still.

Ich atme nicht mehr, dachte Jonathan und war ungeheuer glücklich.

»Jonathan«, rief eine Stimme in die finstere Lautlosigkeit. Wer war dieser Jonathan?

»Jonathan«, schrie die zitternde Stimme ein zweites Mal und führte die lautlose Finsternis ad absurdum. Hier ist kein Jonathan, dachte Jonathan, bitte weitergehen.

»Jonathan«, rief die Stimme noch einmal und brach. Jemand weinte. Wer ist denn da?

»Jonathan, ich…«, stotterte die Stimme schluchzend. »Ich…«. Ja, was denn? Was du? Was ist mit dir? Was willst du von mir? »Ich…«

Jonathan öffnete die Augen und es war erstaunlich hell. Über ihm hing ein fürchterliches Monster. Das Monster hörte auf den Namen Tom, hielt eine Hand an Jonathans Wange und mit der anderen drückte es auf seine Brust. Ein Wasserfall rauschte über die Wangen des Monsters. Aber jetzt kniff es die Augen zusammen und lächelte und sabberte. Und jetzt nahm es die Hände von ihm und schlug sie sich vor das eigene Gesicht, was keine gute Idee war, denn die Hände waren blutverschmiert wie sonst was.

Hey, das war ja Jonathans Blut. Sein Blut. Mein Blut.

Von einem Moment zum anderen war Jonathan wieder bei sich. Er beugte sich hoch. Seine Brust schmerzte höllisch. Blut lief über seine Weste. Zu seinen Füßen lag ein riesiger Braunbär, tot. Der Altar stand in Flammen und machte Licht. Thomas fuhr sich panisch durch das Gesicht und verwischte Tränen mit Blut.


»Was?«, grunzte Jonathan, weil es eben das erste Wort war, das über seine Lippen schlüpfte.

Tom war inzwischen mit dem Verwischen von Blut und Tränen fertig und räusperte sich. »Gut, dass du es geschafft hast, Joie«, sagte Tom gestelzt, »ich hatte mir schon ein bisschen Sorgen gemacht«. »Du hast geheult«, kommentierte Jonathan taktlos. »Was?«, schrie Tom entsetzt auf, »so ein Unsinn. Wie kommst du denn da drauf?«.

Jonathan schwang sich auf die Knie und betrachtete den Körper des gewaltigen Bären vor sich. Das Tier hatte mehrere Stichwunden an Rücken und Hals. Thomas hatte ganze Arbeit geleistet.

»Vielleicht sollten wir das lieber löschen«, kam Jonathan der brennende Altarschrank in den Sinn. Er richtete sich auf, aber die beißenden Wunden auf seiner Brust ließen ihn innehalten. Thomas suchte irgendetwas, das ihm helfen würde, die Flammen zu ersticken. Er fand nichts. Das Feuer fraß sich schnell voran. Es war nur eine Frage der Zeit bis es vom Altar auf den Dachgiebel überspringen würde. »Wir müssen hier raus«, rief Thomas und war schon dabei, Jonathan stützend in Richtung Eingangstor zu begleiten.

Sie schafften den Weg über den Mittelgang in kurzer Zeit und das Feuer in der Apsis erleuchtete nun die gesamte Kirche. Thomas versuchte die schwere Holztür zu öffnen, rüttelte, schob, drückte. Vergeblich. Die Tür war kurz nach dem Betreten der Kirche zugefallen und dachte nicht im Entferntesten daran, sich nun kampflos zu ergeben. »Verriegelt«, stellte Tom das bereits Bekannte fest. Jonathan grunzte. Wunderbar, sie waren in einer Kirchenruine gefangen, die gerade dabei war abzubrennen.

Thomas rannte los, die Seitenschiffe der Kirche entlang und suchte nach weiteren Ausgängen. Er fand keine.

»Problem«, keuchte er, als er wieder bei Jonathan angekommen war. Jonathan blickte nach oben. In den Seitenschiffen waren jeweils zwei fassgroße Fenster eingelassen, deren Läden man sicher leicht würde öffnen können.

»Bänke«, setzte Tom sein Stakkatomonolog schnaufend fort und war schon unterwegs. Er nahm die Bank der letzten Reihe, die sich durch kleine Sitznischen hervorragend als Leiter eignete, und zerrte sie an die Wand des Seitenschiffes. Jonathan folgte ihm. Thomas versuchte die Holzbank anzuheben und dann weiter aufzurichten, musste jedoch vor dem Gewicht der schweren Konstruktion kapitulieren. Mit hochrotem Kopf – passend zu den großen Blutflecken im Gesicht – ließ er die Bank fallen und ruhte sich mit schmerzenden Armen und rasselnden Lungen an die Wand gelehnt aus.

»Noch Mal«, lautete Jonathans glorreicher Vorschlag, »ich helfe dir«. Thomas sah auf Jonathans blutende Brustwunden. Bedachte man das wütende Feuer, war das gemeinsame Anpacken wohl die einzige Alternative. »Drei, zwei…«, zählte Tom den Countdown und mobilisierte dann alle verbliebenen Kräfte um die dämliche Bank aufzurichten. Jonathan stemmte sich unter die Bank und versuchte mit seiner Rücken- und Beinmuskulatur die Schwerkraft in ihre Schranken zu verweisen.

Die Schwerkraft war tatsächlich einen kleinen Augenblick lang unaufmerksam, die Bank stieg wie der Zeiger einer Uhr und blieb wie gewünscht um Mitternacht stehen, das Ende gerade bis zum Sims des Fensters reichend.


Jonathan und Thomas waren fix und fertig. »Los«, keuchte Thomas, »du zuerst«. Hinten am Altar brach der Schrank in sich zusammen und fiel nach hinten. Der Dachstuhl brannte bereits lichterloh. Jonathan stieg über die Zierleisten der Bank nach oben und widerstand dem Impuls seine offenen Wunden mit der Hand zu schützen. Thomas sicherte derweil unten die Bank.

Als Jonathan am Fenstersims angekommen war, konnte er mit Leichtigkeit die Holzläden entriegeln und aufstoßen. Frische Luft zog wohltuend in seine Lungen, aber auch in die Kirche. Das Feuer unter der Decke fauchte dankbar auf und fraß sich noch gieriger voran.

»Wie schaut es aus?«, wollte Tom von unten wissen. Jonathan kletterte auf das Sims und blickte durch das glaslose Fenster. Es waren knapp 3 Mannshöhen zu springen, das entsprach der Wahrscheinlichkeit von rund null Komma sieben gebrochenen Beinen. »Ich springe jetzt«, rief Jonathan zurück. »Warte, ich komme erst hoch«, intervenierte Tom, »dann kann ich dich runterlassen«.

Tom setzte den ersten Schritt auf die Bank, da kam die Schwerkraft vom Einkaufen zurück, sah den Saustall und wurde verdammt wütend. Die Behelfsleiter wankte, Tom sprang geistesgegenwärtig auf den Boden zurück, aber seine Bemühungen die Bank wieder zu stabilisieren waren vergebens. Das Möbel schleifte an der Wand entlang, kratzte über den Hintern des gemalten Drachen, zwang Toms Arme in die Beuge und krachte schließlich lautstark auf den Boden.

»Ich komme zurück«, schrie Jonathan herunter. »Bist du irre?«, brüllte Tom zurück, »du wirst dir alle Knochen brechen! Versuch es lieber an der Tür«. »Und wenn das nicht klappt?«. Tom sah zu Jonathan hoch. Die Flammen leckten nun über dreiviertel des Dachstuhles, vorne in der Apsis brach ein Teil des brennenden Daches ein. Schlimmer noch als die Hitze wurde nun der Rauch, der sich im gesamten Kirchenschiff sammelte.

»Dann hoffe ich«, brachte Tom schließlich mit bebender Stimme hervor, »du wirst mich niemals vergessen, Jonathan«. Thomas hustete, fuhr sich mit den Händen durch das Gesicht und verschwand im Rauch in Richtung Tür.

Jonathan lief die Zeit davon. Er hangelte sich am Sims außen an der Fassade der Kirche hinab. Frisches Blut seiner Brustwunden markierte den Punkt unterhalb des Fensters. Da unten war Gras. Gut. »Sei ein liebes Gras«, beschwor Jonathan die Rasenpflanzen und ließ sich fallen. Er landete mit den Beinen zuerst, ließ sich nach hinten fallen und rollte über den Rücken in Sicherheit. Die Anzahl der gebrochenen Beine konnte er von null Komma sieben nach unten hin abrunden.

Keuchend lag Jonathan im Gras, gönnte sich einen einzigen tiefen Atemzug und wurde umgehend mit einer Schmerzwelle belohnt, die sich von seiner Brust über seine Beine und wieder zurück zu seiner Brust wälzte, um dann noch launisch über ein paar andere Körperteile zu schwappen, die nicht rechtzeitig ihre Schwimmwesten angezogen hatten. Noch ehe die Welle versickert war, stand Jonathan auf den Beinen und lief um das alte Gebäude herum zum Eingangstor.

Die schwere Holztür war natürlich geschlossen, aber es steckte weder ein Schlüssel in dem kruden Schloss, noch war die nach innen öffnende Tür anderweitig sichtbar blockiert oder verriegelt. Viel schlimmer war, dass aus den Türritzen sichtbar Qualm drang. Es war nur noch eine Frage von wenigen Augenblicken und Thomas würde ersticken. Verzweifelt warf sich Jonathan gegen die Tür, aber die dachte nicht im Traum daran nachzugeben.


»Nachdenken, Jonathan, nachdenken«, beschimpfte er sich selbst. Der Schlüssel war fort. Ein Hebel zum Aufbrechen der Tür fehlte. Mit roher Gewalt – das hatten sie bereits von innen versucht. Hm. Aber von außen konnte er seinen Körper als Rammbock benutzen. Jonathan hörte ein zaghaftes Klopfen von der Innenseite der Tür. Dann ein keuchendes Husten. Das Husten wurde zum Würgen und Spucken.

Jonathan nahm Anlauf. Er warf sich mit der linken Schulter gegen die Tür.

Seine Brust sandte eine Protestnote in der in etwa Folgendes stand: »Sehr geehrtes Gehirn. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass ich in Fetzen hänge und jede Menge Blut verliere? Nein? Dann werde ich jetzt so lange auf allen Nervenbahnen herumtrampeln und stampfen, bis Sie es endlich merken. MfG, Brust. P.S.: Ist Ihnen schon Mal aufgefallen, dass sie hier niemand mag? Denken Sie mal drüber nach.«    

Die Tür bebte, Putz und Staub rieselten aus dem Türrahmen. Die Tür hielt. Jonathan verdrängte alle Alarmzeichen seines Körpers, nahm erneut Anlauf und warf sich gegen die Tür.

Die zweite Protestnote seiner Brust las sich in etwa so: »Sehr geehrtes Gehirn. Ich wollte gerade das Herz als Geisel nehmen, aber das erwies sich als unnötig. Es ist zu uns übergelaufen. Hier unser bescheidener Forderungskatalog: Mitbestimmung bei allen wichtigen Entscheidungen unter Beteiligung aller Körperteile (außer dem einen ekligen, Sie wissen schon), vier Wochen bezahlter Urlaub pro Jahr sowie eine Massage pro Monat. Wir geben Ihnen 30 Herzschläge Bedenkzeit. Hochachtungsvoll, Brust. P.S.: Wenn wir uns nicht einig werden, fliegen Sie raus. Das geht hier ganz schnell.«

Wieder rieselten Mörtel und Steinchen aus dem Rahmen. Es war schwer zu sagen, ob Jonathan auf verlorenem Posten stand oder nicht. Aber es war das einzige, was er tun konnte. Er wäre auch gegen eine Wand aus glühenden Felsblöcken gelaufen, wenn die entfernte Möglichkeit bestand, damit Thomas zu helfen.

Hinter Jonathans Stirn zuckte ein heftiges Stechen, das sich den anderen Schmerzen in seinem Körper als rasendes Kopfweh vorstellte und von diesen sofort freundlich aufgenommen wurde. Jonathan wankte zurück. Er presste die beiden Handflächen auf seine Brust, holte tief Luft und fing an zu laufen. Ungebremst traf seine Schulter auf die Tür. Es krachte entsetzlich, der Rahmen zersplitterte und die Tür schwang knallend auf.

Thomas hatte sich schlauerweise nicht direkt hinter dem Eingang, sondern etwas seitlich platziert. Er lag auf dem Bauch und rührte sich nicht mehr. »Tom«, grunzte Jonathan, packte seinen Freund unter den Armen und zog ihn aus der brennenden Kirche hinaus auf die Wiese.

In sicherem Abstand zur Ruine drehte er Thomas auf den Rücken. Toms Augenlider flatterten. Jonathan kniete sich hin und verpasste Thomas eine ganze Salve fester Ohrfeigen.


Das wirkte. Thomas kam zu sich, krallte sich an Jonathan fest, hustete, übergab sich, hustete noch einige Male weiter und schaffte es endlich, die eigene Atmung unter Kontrolle zu bringen. Langsam entkrampfte Thomas und mit der einsetzenden Entspannung lockerte sich auch sein Griff, mit dem er Jonathan gepackt hatte.

»Geschafft«, resümierte Jonathan und schmunzelte. Thomas kam auf die Knie. »Bäh«, machte er und kroch ein paar Krabbelschritte von der Wiesenstelle fort, die er gerade mit seinem Mageninhalt verschönert hatte. Ein Hustenanfall unterbrach seine Ambition, auf die Beine zu kommen.

Die alte Kirche stand nun vollständig in Flammen. Ein Teil des Daches gab gerade wieder nach und eine Säule aus Funken, Glut und Asche stieg in die Höhe. »Wo sind unsere Pferde?«, wollte Tom schließlich wissen.

Toms Pferd und Jonathans Flamländer waren fort.



[1] Stellvertreter des Hochmeisters in einer Ordensniederlassung

[2] Ruhe in Frieden, R.I.P.

[3] Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum; Jesus von Nazaret, König der Juden

Das Probekapitel stammt aus dem zweiten Teil der Nordpiraten und wurde unter anderem ausgewählt, weil es relativ abgeschlossen ist und wenig Referenzen zur Vor- und Folgegeschichte enthält. 

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