von Jan Braband

In den zahlreichen Gesprächen mit Rezensenten und Testlesern ging es immer wieder um die Sprache, die im Roman zu lesen ist. So häufig, dass zu Beginn des ersten Teils sogar ein kleiner Abschnitt eingefügt wurde, um ein paar Worte zur Sprache zu verlieren. Hier gibt es ein paar mehr Informationen.

Schweres, altes Niederdeutsch

Die Essenz gleich vorweg: Wer eine authentische Ausdrucksweise bei den Nordpiraten vermisst, der ist möglicherweise einer romantischen Schwärmerei aufgesessen - auch wenn ich mich gleich wieder für diese angedeutete Unterstellung entschuldigen möchte. Aber schauen wir uns einmal einen zeitgenössischen Satz aus einer Urkunde des Jahres 1392 an (also vier Jahre bevor die Nordpiraten stattfinden):

...enen reynen wech hebben dor ere lant, to lande unde to watere, to Nougharden to komende unde to varende, sunder jenigerleie behendycheit unde hindernitze...

Kapiert? Nein? Nun, so würde es klingen, wenn zumindest die direkte Rede in authentischer niederdeutscher Sprache geschrieben wäre. Klingt wie eine Fremdsprache, oder? Eben. Ist es ja auch. Obwohl das Niederdeutsch zu damaliger Zeit die Lingua franca Nordeuropas war, hatte es einen beträchtlichen Abstand zum Althochdeutsch oder natürlich auch zu unserem modernen Hochdeutsch. Der Abstand ist so groß, dass man als Laie plump von einer anderen Sprache reden kann.

Das bedeutet: Die Worte müssen in eine andere Sprache, ins Hochdeutsche, übersetzt werden.

Nun stellt sich die interessante Frage: Was ist besser, ein altes, erfundenes Hochdeutsch oder ein modernes Hochdeutsch? Die Antwort ist ganz einfach. Geschmacksfrage! Aber es bleibt ein unerschütterliches Faktum, dass ein alt klingendes Hochdeutsch genauso viel oder wenig authentisch ist, wie ein modernes Hochdeutsch.

Eine kühne Behauptung: Modernes Hochdeutsch ist authentischer

Warum habe ich mich also für ein modernes Hochdeutsch entschieden? Die Antwort ist ebenfalls einfach: Emotionen. Ich glaube - und über diese Meinung kann man vortrefflich streiten - dass trotz der immensen Andersarteigkeit der mittelalterlichen Welt, die Menschen sich nicht sonderlich verändert haben. Sicher, es gibt mehr gebildete und aufgeklärte Menschen (leider viel weniger, als man es sich wünscht), aber was die Leute gefühlt und gedacht haben ist in weiten Bereichen gleich geblieben. Dass die Menschen damals genauso geliebt, gehasst, betrogen und gehofft haben, kann man als sehr, sehr wahrscheinlich ansehen.

Fasst man diese Gedanken zusammen, kommt man zu einem erstaunlichen Ergebnis: Will man authentisch sein, ist modernes Hochdeutsch die bessere Wahl. Übersetzen muß man ohnehin, wie wir oben gesehen haben, was liegt also näher, eine Übersetzung zu wählen, die eine emotionale Identifikation, Empathie, ermöglicht. Eine Sprache eben, die nicht nur die Worte, sondern auch die Gefühle übersetzt. Genau das ist die Ambition bei den Nordpiraten, auch wenn ich zugeben muß, dass an der einen oder anderen Stelle diese Ambition scheinbar über das Ziel hinaus schießt, nämlich dann, wenn auf der Erzählebene eindeutig moderne Erkenntnisse und Begriffe verwendet werden. Aber: In der direkten Rede wird man diese Erkenntnisse und Begriffe nicht finden.

Parlez-vous français?

Zum Schluß noch ein paar ergänzende Anmerkungen. Im Roman wird davon ausgegangen, dass überall die selbe Sprache gesprochen wird. Das ist natürlich nicht ganz richtig. Zwar wurde, wie oben erwähnt, das Niederdeutsche im gesamten Nordeurope gesprochen und verstanden, aber natürlich nicht überall als erste Sprache.

Insbesondere zwei Konstellation lassen das Sprechen von Niederdeutsch unwahrscheinlich erscheinen: Zwischen Margarete und Lodehat/Sture, sowie vor dem Papst. Margarete sprach fliessend Niederdeutsch, aber mit ihrem engsten Vertrauten wird sie sicherlich Dänisch gesprochen haben.

Und was ist mit Corin und Jonathan? Sind die beiden nicht Luxemburger? Ja, sind sie. Und damit haben beide wohl definitiv kein Niederdeutsch, sondern unter anderem Althochdeutsch gesprochen. Und natürlich Französisch. Denn tatsächlich war die Region schon vor 600 Jahren zweisprachig. Ein wenig spiegelt sich das auch in der gemischten romanisch/germanischen Namensgebung wieder (Corin/Jonathan/Jasper).

Übrigens noch eine klitzekleine sprachliche Kuriosität: Die vorliegende Nordpiraten-Version ist zwar in Deutsch geschrieben, entwickelt wurde die Geschichte aber im Englischen. Warum? Nun, Vorlage für den Roman ist tatsächlich ein Drehbuch für einen Film und dieses Drehbuch existiert in englischer Sprache. Und vielleicht wird das ja irgendwann mal tatsächlich zu einem Film?

Das wird ein Klassiker, wetten?

Ich kann nur sagen, das außergewöhnliche Konzept funktioniert. Es funktioniert sehr, sehr gut! Es hat noch nie ein Buch gegeben, bei dem ich so viel lachen musste - und trotzdem sorgt man sich wirklich, ernsthaft, intensiv um die Hauptcharaktere.

Wer das ganze allerdings zu leicht nimmt und die eher kindlich-naive Aufmachung des Anfangs für bare Münze nimmt, dem wird das Lachen noch ganz schön im Halse stecken bleiben.

Peter Maybach

Sehr viel Blut. Noch mehr Lacher.

Dieser Roman schießt wie ein Kugelblitz daher und wer sich davon nicht mitreissen lässt, dem ist vermutlich nicht zu helfen. Lesern, die mit extremem Humor nicht umgehen können, ist allerdings von der Lektüre abzuraten.

Die strikte Trennung von realistischer Handlung und abgedrehtem Witz ist ein äußerst gelungenes Novum. Ich musste mich erst daran gewöhnen. Dann aber wird der Roman zu einer wahren Offenbarung.

Christian Jonas

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